Über Schwerter

Diesen Artikel habe ich grade auf meiner Festplatte widergefunden. Ich hatte ihn vor Jahren mal für eine Kneipenzeitung geschrieben:

Über Schwerter

Seit zwei Jahrzehnten erlebt das westliche Europa und Nordamerika einen Mittelalterboom. Märkte, Turniere, und Reenactments finden heutzutage in jeder besseren Kleinstadt statt.

Gruppen mit mehr oder weniger hohem Anspruch auf Authentizität stellen eine längst vergangene Zeit dar. Warum auch immer. Diese Leidenschaft soll hier auch nicht erklärt oder begründet werden.

Auffallend ist, dass fast jeder männliche und auch so mancher weibliche Darsteller, an der Seite ein Schwert trägt oder ein solches in seinem Marktstand dekorativ drapiert hat.

Was aber ist ein Schwert, warum hat es eine fast mystische Bedeutung, die heute immer noch fasziniert?

Um mit den Worten eines bekannten Lehrers zu sprechen: Da stelle mer uns ma jaanz dumm…

Wat is en Schwert?

Ein Schwert ist ein mehr oder weniger langes Stück Metall, daß über ein oder zwei scharfe Schneiden verfügt, an einem Ende mehr oder weniger spitz zuläuft und am anderen einen Griff zum Anfassen hat.

Es handelt sich um ein Präzisionsinstrument um – nach den Erfordernissen der jeweiligen Epoche gestaltet – schnell und effektiv Menschen zu töten.

Diese Aufgabe hat das Schwert über etliche Jahrhunderte erfüllt, denn sonst hätte man sich nach einem anderen Instrument umgesehen.

Die Geschichte des Schwertes beginnt in der Bronzezeit (ca. 1500 v. Chr.). Aus Feuerstein und Kupfer konnte man keine langen Klingen herstellen. Stein war zu spröde, Kupfer zu weich. Erst als jemand auf die Idee kam eine Legierung aus Kupfer und Zinn – die Bronze- herzustellen, stand ein Rohmaterial zur Verfügung, das neben anderen Waffen und Gebrauchs- ,Kult- und Schmuckgegenständen dann auch zur Herstellung von Schwertern genutzt werden konnte. Schwerter aus Eisen sind ab ca. 500 v.Chr. in Gebrauch.

Wieso aber wurde das Schwert im Mittelalter ein Symbol weltlicher und manchmal auch kirchlicher Macht?

Wieso definierte sich eine ganze mittelalterliche Gesellschaftsschicht –die Ritterschaft- über gerade diese Waffe?

Die Antwort findet sich im frühen Mittelalter (ab dem 6. Jahrhundert). Das Schwert hatte zu diesen Zeiten eine besonders hervorstechende Eigenschaft.

Es war geradezu irrwitzig teuer!

Der überlieferte Preis eines Schwertes rangierte beim Gegenwert von 5-30(!) Stück Rindvieh, wobei letzteres dem Viehbestand mehrerer Großfamilien entsprach.

Das lag zum einen an den hohen Materialpreisen, zum anderen an dem großen metallurgischen Können, das erforderlich war, um ein Schwert zu schmieden.

Der Schmied musste es fertigbringen ein langes Stück Eisen so zu schmieden, dass die Schneiden hart und scharf waren, und es auch blieben, andererseits musste die Klinge so elastisch sein, dass sie beim Hieb nicht brach, oder sich zu sehr verbog.

Da man damals noch nicht um kohlenstoffreichen oder –armen Stahl wusste, und der Rockwell-Härtetest unbekannt war, erforderte die Schwertschmiedekunst eine Erfahrung, die über Generationen erworben, weitergegeben und  -entwickelt wurde.

Dies führte zu einer Meisterschaft, die auch mit modernsten Schmiedemethoden und Werkstoffen heute kaum mehr nachzuvollziehen ist.

Der große Markt unzureichender heutiger Replikate zeigt dies deutlich.

Im Laufe der Jahre entstanden so Dynastien von Schmieden und die ersten Markennamen.

Wer im zehnten Jahrhundert eine Klinge besaß auf der „Ulfbert“ stand konnte sich glücklich schätzen. Oder auch nicht, denn beim Einsatz zeigte sich schnell ob der (un)glückliche Käufer nicht doch mit einem minderwertigen Plagiat betrogen worden war.

Das Schwert, welcher Qualität auch immer, war also eine außerordentlich exklusive Waffe und nur die wohlhabendsten Krieger konnten sich eins leisten.

Der gewöhnlich Kämpfer und das waren zu dieser Zeit ca. 95% der Kombattanten, begnügte sich mit Speer, Streitaxt oder Keule, denn zu deren Herstellung musste zum einen weniger Metall, weniger Kunstfertigkeit und damit weniger Geld  aufgebracht werden, zum anderen, und das ist sehr wichtig, erforderte die Handhabung dieser Waffen nur ein Mindestmaß an Training. Ein schlechter Speerkämpfer war im Konflikt einem schlechten Schwertkämpfer allein Aufgrund der Reichweite überlegen.

Dies erklärt warum sich das im frühen Mittelalter herausbildende Rittertum als Stand der professionellen Kämpfer mit dem Schwert identifizierte. Sie besaßen das nötige Kapital zum Erwerb dieser Waffe und die erforderliche Zeit um im Training damit zur Meisterschaft zu gelangen. Außerdem hatte das Schwert den Vorteil, dass es gleichermaßen zu Fuß, als auch zu Pferd eingesetzt werden konnte.

Wie aber kämpfte man mit solcher Waffe?

Wieso war man bereit Unsummen dafür auszugeben?

In etlichen Spielfilmen, bei Theateraufführungen, beim Schaukampf auf dem mittelalterlichen Markt im Fachwerkstädtchen wird es doch gezeigt! Der Gute und der Böse schlagen etliche Minuten auf des Gegners Klinge und Schild ein, bis letzterer (meist aus Leichtmetall) völlig verbeult heldenhaft beiseite geworfen wird, und der Böse – natürlich nach besonders hinterhältigem Verhalten seinerseits – durch einen Stich in die Leber oder Milz, allenfalls durch (ausgeblendetes) Kopfabschlagen in die verdiente Hölle geschickt wird.

Sehr spannend, nur leider historisch eher falsch…

Mit dem Schwert wurde gezielt, überlegt und mit großer Kraft nach dem Gegner geschlagen. Vergessen wir das Gerücht, dass Schwerter schwer und plump waren!

Das Gewicht lag je nach Typ bei ca. 1-3 kg. Die Klingen waren so ausgewogen, dass der Schwerpunkt etwa eine Handbreit unter dem Heft lag. Dies unterstütze den Schwung des aus der Schulter und dem Arm vorgetragenen Hiebs, erlaubte aber auch einen plötzlichen Richtungswechsel der Waffe.

Das Ziel war nicht die Waffe oder der Schild des Gegners, sondern dessen Körper. Es ging darum, den Gegner so schnell wie möglich kampfunfähig zu machen, und dazu war jedes Mittel recht.

Ein Grund warum die Verwendung eines Schwertes bei Schaukämpfen nie richtig gezeigt wird, ist die vernichtende Wirkung dieser Waffe, die ausführlich in historischen Überlieferungen beschrieben wird. Schaukampfgegner sind selten und wertvoll und schon deshalb pfleglich zu behandeln.

Ein Schwerttreffer auf den ungeschützten Körper des Gegners verursachte enorme Wunden.

In den Sagas der Wikinger ist bei Beschreibungen von Duellen (sog. Holmgängen) das komplette Abschlagen von Gliedmaßen keine Seltenheit.

Ein Gote durchschlug mit seinem Schwert den Körper eines Kontrahenten senkrecht vom Schlüsselbein bis zur Hüfte (Was ihn zu der Äußerung veranlasste: „Ich habe doch gewusst, dass der Kerl keine Knochen im Leib hat!“)

Bei modernen Versuchen mit scharf geschliffenen Reproduktionen historischer Schwerter ist es möglich Rinderhälften mit einem Hieb zu durchtrennen.

Das Schwert war also eine außerordentlich teure, wirksame, und gefährliche offensive Waffe.

Als Reaktion darauf versuchten die Kämpfer sich durch das Tragen von Schilden und Rüstungen zu schützen. Der (nicht das!) Schild verdient hier besondere Aufmerksamkeit, denn vom frühen bis zum Hochmittelalter bildeten Schwert und Schild als Waffen eine Einheit.

Vergessen wir die Metallausführungen von Schilden, wie sie in den Historienschinken wie „Prinz Eisenherz“ oder „Ivanhoe“ zu sehen sind. Schilde waren stabile Defensivwaffen aus Holz oder sogar Sperrholz, die mit Leder überzogen, und mit Eisen oder Rohhaut umrandet waren.

Sie waren so gebaut, dass sie jedem Schwerthieb widerstehen konnten. Daher entfiel auch die Notwendigkeit ununterbrochen danach zu schlagen, um den Gegner eventuell zu „entschilden“. Mit dem Schild parierte man aktiv die Attacken des Gegners und nicht mit der Klinge, wie in Filmen und Schaukämpfen immer wieder gezeigt. Dazu war das Schwert zu wertvoll und zu empfindlich. Das Parieren mit der Schneide führte zu tiefen Scharten und zum schnellen Bruch der Waffe.

Der Schild konnte auch offensiv eingesetzt werden, man konnte damit die Waffe des Gegners blockieren oder nach im stoßen.

Der Schild hatte aber auch den Nachteil, dass er die Sicht seines Trägers behinderte.

Eine geradezu klassische Angriffsmethode bestand darin, den Gegner mit einem Scheinangriff dazu zu bringen, den Schild zum Schutze des Kopfes instinktiv hochzureißen, um ihn dann mit ganzer Wucht an den dadurch offenen Beinen zu treffen. So ein Treffer führte meist zum Sturz des Gegners und –einmal am Boden- wurde schnell dafür gesorgt, dass er nie wieder aufstand.

Die forensisch untersuchten Skelette von Gefallenen einer Schlacht auf der Ostseeinsel Gotland aus dem Jahre 1361, bei denen Knochenverletzungen nachgewiesen werden konnten, hatten diese zu 70% an den Beinen (einem der exhumierten Krieger wurden beide Beine mit einem einzigen Streich abgeschlagen).

Gefahren solcher Art ließen den Kämpfer des Mittelalters auf immer neuen und immer effektiveren Rüstungsschutz sinnen. Der aus der Antike überlieferte Kettenpanzer wurde bis ins späte Mittelalter und darüber hinaus verwendet. Er bestand aus mehreren zehntausend miteinander verflochtenen Eisenringen. Meist wurde er mit anderen Rüstungsarten kombiniert, denn er schützte zwar vor Schnittverletzungen von Klingen, aber nicht vor den Traumata empfangener Hiebe. Allein die Wucht eines Schwertreffers konnte die Kettenringe in das darunterliegende Fleisch treiben. Daher trug man zum Kettenhemd meist ein wattiertes Kleidungsstück (Gambeson), das die Wucht von stumpfen Schlägen milderte. Ab dem 13. Jahrhundert wurden dazu Metallplatten kombiniert, die einen noch effektiveren Schutz garantierten und auch der Neu- und Weiterentwicklung von Fernwaffen wie dem Langbogen und der Armbrust Rechnung trugen.

Diese Entwicklung führte im Spätmittelalter (14-15. Jahrhundert) dazu, dass der ritterliche Krieger im vollen „maßgeschmiedeten“ Plattenpanzer in die Schlacht zog, der den gesamten Körper vom behelmten Kopf bis zu den Panzerschuhen schütze. Diese Rüstungen waren so perfekt ausgeführt, dass da nichts klapperte oder schepperte. Auch das Gewicht war eher moderat und leicht zu „ertragen“, da sich die Last gleichmäßig auf den ganzen Körper verteilte. Die einzelnen Rüstungsteile schoben sich so sanft ineinander, dass sogar einen Handstand zu machen oder ein Rad zu schlagen in voller Rüstung möglich war. Keine Rede also vom schwer gepanzerten aber unbeweglichen Rittersmann.

Der größte Nachteil der Rüstung war die schlechte Belüftung unter dem Helm mit vorgeschnalltem Hals- und Kinnschutz, und die schlechten Sichtverhältnisse bei geschlossenem Visier.

Der arme Mann begnügte sich mit einzelnen Rüstungsteilen, die erbeutet, oder je nach Geldbeutel nach und nach angeschafft wurden.

Auch ritterliche Vollharnische wurden oft umgearbeitet oder neu kombiniert.

Die Entwicklung des Schwertes hielt Schritt, indem immer neue Typen entwickelt wurden, die auf den verbesserten Körperschutz reagierten. Die Klingen wurden länger, schmaler und spitzer, um durch die Kettenringe oder zwischen die Panzerplatten gestoßen werden zu können.

Der Schild wurde für die Besitzer eines Plattenpanzers sinnlos, sie konnten also längere Schwerter mit beiden Händen führen. Oft wurde auch die Panzerung des linken Armes verstärkt, um mit diesem zu parieren.

Interessant ist die Verbreitung, die das Schwert im ausgehenden Mittelalter als Waffe des Bürgers und freien Bauern erfuhr. Mit steigendem Selbstbewusstsein bewaffneten sich diese Schichten mit dem einst dem Rittertum eigenen Instrument.

 

Durch den technischen Fortschritt in der Metallgewinnung und der Schmiedekunst wurde das Schwert auch für diese Gesellschaftsschichten erschwinglich. Nichtsdestotrotz erforderte die Handhabung der Waffe immer noch ein hohes Maß an Übung.

Hier kamen die Fechtschulen ins Spiel, die sich wohl ab dem 13. Jahrhundert entwickelten. Meister der Kunst des Schwertkampfes gaben ihre Kenntnisse an interessierte und natürlich zahlungskräftige Schüler weiter. Die überlieferten Lehrbücher dieser Fechtschulen lassen erahnen, dass die Kunst des Schwertkampfes in Europa ein Niveau hatte, das dem der heute noch gelehrten ostasiatischen Schwertkampftechniken zumindest ebenbürtig war.

Im Gegensatz zu diesen zeichnete sich die europäische Kampfkunst durch ein hohes Maß an pragmatischer Brutalität und weniger durch Ritualisierung und Vergeistigung aus.

Ziel des Kampfes war und blieb die physische Vernichtung des Gegners. Zu diesem Zweck wurde ein ganzes Repertoire an Techniken gelehrt. Dazu gehörten der Kampf mit verschiedenen Schwerttypen gegen einen oder mehrere Gegner, kombiniert mit massivem Körpereinsatz, wie Tritten und Schlägen, Einsatz des Schwertes in beengten Räumlichkeiten, Entwaffnungstechniken, der Kampf mit Dolchen, der Schwertkampf gegen alle Arten von Stangen- und Hiebwaffen und der unbewaffnete Ringkampf. Mittlerweile erlebt die Kunst des europäischen Schwertkampfes eine Renaissance.

 

Als militärische Waffe verlor das Schwert im späten Mittelalter und der Renaissance immer mehr an Bedeutung. Die Feuerwaffen begannen das Schlachtfeld zu dominieren. Deren Träger wurden wiederum von Pikenträgern geschützt, die mit einem Dickicht aus bis zu sechs Meter langen Spießen eine Annäherung auf „Schwertkampfweite“ erschwerten. In diesem Zusammenhang sind noch die sogenannten Doppelsöldner zu erwähnen. Im 16. und 17. Jahrhundert versuchten diese Spezialisten schwer gepanzert mit riesigen Zweihändern Breschen in die Pikenierhaufen zu schlagen. Dieser gefährliche Einsatz wurde mit doppeltem Sold honoriert.

Die letzten in der westlichen Hemisphäre im Krieg eingesetzten echten Schwerter (zum Teil ebenfalls Zweihänder) wurden im 18. Jahrhundert von den schottischen Highland-Rebellen benutzt, um die englischen Rotröcke das Fürchten zu lehren. Dies gelang ihnen immer dort, wo sie es fertigbrachten im Sturmangriff das Musketenfeuer der Engländer zu unterlaufen und schnell in den Nahkampf überzugehen.

Die Musketiere waren auf kurze Distanz den mit Schild und Schwert geradezu anachronistisch ausgerüsteten Schotten hoffnungslos unterlegen.

 

Nach der vernichtenden Niederlage der Highlander bei Culloden im Jahre 1746 war die Zeit des Schwertes nach über 2000 Jahren in Europa vorüber.

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