St. Wendel!

Bereits lange vorher angekündigt als das Ereignis des Jahres war es dann am letzten Wochenende endlich so weit. Das Turnier von St. Wendel fand endlich statt. Zusammen mit Alexander unterbrach ich unser Lager in Kirrweiler und begab mich dort hin.Mit Spannung erwarteten wir die angekündigten Darbietungen.

Nichts weniger als das erste echte Turnier der letzten fünfhundert Jahre war angekündigt. Ja, kein Stunts, keine Lanzen aus Balsa-Holz, sondern die Originale sollten zum Einsatz kommen. Das was wir von unseren Mittelalter-Märkten gewohnt sind zeigt natürlich sehr gute Reiter, die eine Menge können. Um die Kosten zu dämpfen und die Gefahr zu verringern wird hier aber eine Show gezeigt und kein Wettkampf. Angesichts der Berichte aus jenen Zeiten, wo Todesfälle bei Turnieren einkalkuliert waren, natürlich eine höchst verständliche Vorgehensweise. Es bleibt die bohrende Frage: Wie war das wohl wirklich?

Und wir wurden nicht enttäuscht. Schon von weiten schallte uns Kanonendonner entgegen und die Erste Vorstellung die wir auf dem Turniergelände zu sehen bekamen, war die einer Reihe von Renaissance-Waffen der knallenden Art, dargeboten von „Des Schedels schwarzer Haufen“. Von der Muskete bis zum klassischen Vorderlader wurden eine ganze Reihe von Schwarzpulver- Waffen abgefeuert. Mehrfach hüllten die den Platz in Pulverdampf, nicht ohne die vorherige Warnung sich für den Druckausgleich bereit zu machen (Mund auf, Hände auf die Ohren). Denn es rummste nicht nur ganz erheblich, sondern auch die darauf folgende Druckwelle war nicht von schlechten Eltern.

Aber wir waren ja nicht wegen der Ballerei da! Gleich im Anschluss gab es die Waffen-Schau und man konnte beobachten wie sich die Ritter in „Schale“ warfen. Oh Mein Gott! Von jetzt an sind alle Ritterfilme für mich bereits gelaufen. Die Geschmeidigkeit und Leichtigkeit, die diese Rüstungen ausstrahlen sind schon was besonderes. Natürlich sind die nicht leicht mit ca. 30 Kg. Da braucht es schon trainierte Träger. Aber von der Plumpheit der üblichen Theaterausstattung und vor allem Dingen dem Geschepper warten diese edlen Teile meilenweit weg. Wie eine zweite Haut sitzen die Rüstungen am Mann und machen jede Bewegung, der die menschliche Anatomie mächtig ist, mit. Sportliche Übungen inbegriffen.

Auch das „Blech“ ist keines. Die 2mm Stahl bestehen aus gehärtetem Karbon-Stahl. Der lässt sich nicht verbiegen, sondern bricht höchstens, wozu man aber sicher eine kleine Kanone braucht. Hinzu kommt die polierte Oberfläche, die dermaßen glatt ist, dass sogar ein rostschützender Effekt entsteht. Und das alles ist authentisch aus dem 16. Jahrhundert, kopiert von Rüstungen aus Museen. Denn eines ist sicher, die Jahrhunderte lange Entwicklung der Rüstungen ließe sich mit heutigen Mitteln nur noch sehr begrenzt verbessern – wenn überhaupt.

Nach einiger Musik, etwas Schwertkampf Vorführung der Gruppe „Lebendige Schwertkunst“, ist es dann endlich soweit. Die Ritter ziehen unter viel Tamm-Tamm in die Arena ein, die Rüstungen glänzen und die Direktorin der Bückeburger Hofreitschule Kristin Krischke reichert das ganze mit wohl gesetzten Kommentaren von der Tribüne herunter an, während Ihr Gemahl den obersten Schiedsrichter zu Pferde gibt. Frau Krischke machte das sehr gut, da sie nicht nur eine Kennerin der Reitkunst ist sondern außerdem mit einem erfrischenden, leicht sarkastischen Humor gesegnet ist, der immer mal wieder zum Einsatz kam.

Dann die Verleihung der „Gunst“, die zwei der Ritter zu Ehren kam, die jeweils die Farben einer Dame an die Lanze gebunden bekamen. Die Knappen der Ritter schwangen sich über die Absperrung, was Krischke angesichts der engen Renaissance-Hosen seufzend kommentierte: „Hach, wasfür eine schöne Mode!“

Dann aber der Tjost (Lanzenstechen). Diese Lanzen sind kleine Fichtenstämme, auf denen das berühmt Turnierkrönchen aufgesetzt ist. Ein dreigeteiltes Stück Eisen, das sich besser in den wenigen Angriffspunkten die der Gegner einem bietet verfangen können. Als bevorzugtes Ziel wurden die Augenschlitze genannt…

Die Reiter gehen in die Schranken. Die Pferde fallen in Galopp, die Lanzen senken sich und … heben sich unverrichteter Dinge wieder an. Denn das passiert häufig, das die Ritter sich nicht in einer idealen Position wiederfinden und dann lieber auf den Stoß verzichten als Ihre Pferde zu gefährden. Wenn es dann aber kracht, dann ist das ordentlich! Selbst dann rutschen die Lanzen häufig ab, setzen zwar einen Treffer, die Lanze bleibt aber ungebrochen. Wenn sie bricht, dann tut sie das nicht indem sie spektakulär zersplittert. Nein, häufig hört man eine lautes knackendes Geräusch und man sieht wie es denn Ritter nach hinten reißt, wenn eine halbe Tonne Gewicht im Galopp auf ihn knallt.

„Aus dem Sattel heben“ ist nicht. Denn die Ritter sitzen tief in den Sätteln, die bestimmt 20 cm Randhöhe haben. Und so geht es weiter. Runde um Runde reiten die Kontrahenten auf einander los, mal  mit mehr, mal mit weniger Trefferglück.

Eine andere Disziplin sollte nicht unerwähnt bleiben, die uns nicht minder eine andere Zeit vorführt. Die Ritter werden auch mit einem Sonderpreis für Ritterlichkeit geehrt und scheinen sich gegenseitig zu überbieten in immer neuen Einfällen wie sie sich besonders ritterlich verhalten können. So werden freizügig Punkte verschenkt wann immer sich ein Grund dazu findet. Ja, sogar der Sieg des Turniers wurde „verschenkt“. Was aussieht wie die Übertreibung einer guten Sitte ist tatsächlich das Ideal nach dem man in der Ritterschaft strebte und brachte dem Großzügigen im Zweifelsfall mehr Ehre und Ruhm als das eigentliche Turnier.

Wer einmal das Nibelungenlied gelesen hat, dem ist sicher aufgefallen, das die Akteure dort bei jeder Gelegenheit ihre Großzügigkeit bewiesen indem sie unbekümmert Ihre Besitztümer her-schenkten und natürlich hinterher wiederum reichlich aus den Schatzkammern der Könige bedient wurden. Sicher waren die Menschen des Mittelalters keine besseren Menschen, jedoch war die Freigebigkeit ein anerkanntes Ideal, das gerne bedient wurde und tatsächlich mehr als einen Ritter nicht nur an den Rand des Ruins gebracht hat.

Jedenfalls wurde eben auch in der Disziplin Ritterlichkeit ordentlich „wettgestritten“. Das beeinflusst das Turnier insbesondere, da in einer der letzten Runden der bis dahin sehr erfolgreiche Neuseeländer Joram van Essen verletzt wurde und ausscheiden musste. Nach dem Treffer rutschte wohl ein Splitter unter den Handschuh und verletzte die Hand.

Bei der letzten Disziplin, dem Melee war der verletzte Ritter (einer von zwei in den drei Tagen) bereits wieder auf dem Pferd. Hier sah man wie die Ritter in zwei Mannschaften mit hölzernen Keulen auf einander einhieben. Das besondere dabei ist das reiterische Können und natürlich die Leistung der Pferde. Eigentlich sah das ganze wie ein großer Tanz aus.

Bilder gibt es leider nur beim Bericht von Alexander. Vertiefende Informationen zu den einzelnen Punkten gibt es auf der Webseite der Veranstaltung und Videos gibt es bisher vom ZDF und auf Youtube.

Wer nicht da war hat was verpasst. Aber es klingt ja so an, als sollte das ganze im nächsten Jahr wiederholt werden….

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2 Gedanken zu “St. Wendel!

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