Ritterturnier in St. Wendel

Sogenannte Ritterturniere haben wir alle schon öfters gesehen. Mehr oder weniger begabte Reiter/Stuntmen in Phanatasierüstungen zeigen allerlei  Akrobatik und Reiterspiele und brechen im Tjost angesägte Lanzen aus Balsaholz. Mir persönlich entlocken diese „Turniere“ -trotz meiner ehrlich empfundenen Anerkennung für ausgefeilte Choreographien und Körperliche Leistungen- selten mehr als ein unterdrücktes Gähnen. Einfach schon zu oft gesehen…

Und jetzt kommt St. Wendel daher und verspricht vollmundig ein Turnier „Original 1512“, mit echten Rüstungen, echten Lanzen, echten Streitrössern und echten Kerlen. Nicht weniger als die Weltmeisterschaft im Vollkontakt-Tjosten.

Natürlich blieb mir (angeregt von Benny) als Hobbyblechdose nichts anderes übrig als dieses als einmalig beworbene Event zu besuchen, obwohl der Eintritt von knapp 30 Euro meine Begeisterung etwas bremste. Der Vorverkauf war ganze € 1,35 billiger als die Tageskasse – was man da sparen kann!

Nach einer Anreise durch die weniger ansehnlichen Teile des Saarlandes hatten Benny und ich St. Wendel am Sonntag gegen 14.00 Uhr glücklich erreicht, fanden einen gut ausgeschilderten Parkplatz und hatten nach ca. 0,5 km Fußweg den Ort des Geschehens gefunden. Das Turnier fand in einem schon leicht in die Jahre gekommenen Fußballstadion statt, das man recht ambientig mit vielen Fahnen hergerichtet hatte. Das moderne Catering mit Ritterbraten (lecker) und anderen Köstlichkeiten musste draußen bleiben. Innen gab es um die Arena herum schöne Lager verschiedener Spätmittelalter- und Landsknechtsgruppen. Vor der Hauptattraktion – dem Tjost – wurde auf dem Turnierplatz ein ordentliches Rahmenprogramm geboten. Die Brettener Artillerie führte die akustische Gewalt ihrer mannigfaltigen Schießwerkzeuge vor.

Vor allem das ungeheure Getöse der Feldschlange lies es geraten erscheinen der Anweisung des Ansagers zu folgen und die Ohren zu und den Mund offen zu halten. Beeindruckend! Weiterhin gab es Vorführungen mit Pikenieren und Schwertkampfvorführung mit langen Schwert, Dolch und Spieß. Alle diese Vorführungen (außer der Musik) wollten dem Zuschauer zeigen, wie es (vermutlich) im späten Mittelalter wirklich war und mit liebgewonnenen Vorurteilen aufräumen. Im Lagerbereich wurden zwei Kämpfer vor Publikum gerüstet, der eine in eine Feldrüstung für den Kriegseinsatz, der andere in die Turnierrüstung. Dabei wurde von zwei höchst kompetenten Kommentatoren auf die Unterschiede der Rüstungen hingewiesen. Außerdem ging man näher auf die jeweils verwendeten Metallarten und -dicken ein. Der mit dem Feldharnisch Gerüstete demonstrierte auch gleich, wie unbeweglich und steif man in einer Plattenrüstung war, glitt locker zu Boden, machte flott ein paar Liegestützen und stand entspannt wieder auf. Die in diesem Lagerbereich gezeigten Rüstungen ließen mich unanständig sabbern und ein wahrhaft unchristlichen Neid in mir aufsteigen…

Um 16 Uhr ging dann der Tjost los, und lies zumindest für mich kaum Wünsche offen. Rüstungen, Pferde und Reiter von dieser Qualität wird man wirklich nicht mehr so schnell zu sehen bekommen. Vollkontakt-Tjoster sind auf der Welt nicht grade häufig anzutreffen und man hatte sogar Ritter aus so fernen Ländern wie Neuseeland rekrutiert.

Man merkte, dass der Ablauf in weiten Teilen nicht choreographiert war, sondern ein offener Wettstreit. Leider war ein Kämpfer schon am Vortag leicht verletzt ausgeschieden und auch bei dieser Vorführung musste ein Streiter ambulant im Krankenhaus behandelt werden und fiel fürs weitere Tjosten aus. Trotzdem zeigte er später im Melee besondere Tapferkeit und reiterliches Können. Es gab zwei Parteien a vier Reiter (nach den Verletzungen je drei)  „Kaiserliche gegen Burgunder“ und die einzelnen Kämpfer  ritten jeweils gegeneinander vier Gänge. Es gab Punkte wenn man den Gegner mit der Lanze traf und mehr Punkte wenn man dabei die Lanze brach. Manches ging schief. Hier und da donnerten die Pferde vor der Zeit los und der Ritter hatte keine Zeit mehr die Lanze vom Knappen zu übernehmen oder das Pferd blieb einfach stehen und nur einer der Gegner preschte los. Meistens aber klappte der Anritt. Die Wucht beim Zusammenprall der Reiter war zum Teil beängstigend. Wie viele Punkte im jeweiligen Gang errungen wurden, wurde dem Zuschauer aufgrund der Schnelligkeit des Geschehens nicht immer klar und auch die Turnierleitung kam das ein oder andere Mal durcheinander. Als dann auch noch diverse Ehrenpunkte der Damen und von den Kämpfern ritterlich ihren verletzten Kontrahenten übereignete Wertungspunkte ins Spiel kamen, wurde es etwas unübersichtlich, was aber letztendlich nicht störte.

Das Tjosten dauerte ca. eine Stunde und um 18 Uhr folgte nach einem Intermezzo das Melee oder auch Kolbenturnier. Hier gingen die beiden Parteien zu Pferd mit Holzknüppel aufeinander los. Die beiden Verletzten ritten ungerüstet mit, durften nicht angreifen und nicht angegriffen werden, konnten jedoch dadurch ihre Kameraden decken, dass sie den Angreifern den Weg versperrten. Punkte bekam man, wenn man den Gegner im Galopp mit der Keule traf. Wer zwei Schläge einsteckte schied aus. Die Knüppel wurden mit großer Kraft geführt und es schepperte ordentlich, wenn ein Ritter sein Ziel fand. Ich vermute, dass man bei der Qualität der Rüstungen sehr fest zuschlagen muss, damit der Getroffene überhaupt etwas bemerkt. Nach wenigen Minuten atemberaubenden Handgemenges war bei den Kaiserlichen nur noch ein Kämpfer übrig, der jedoch aufgrund des Überlegenen reiterlichen Geschicks seines Schutzengels und natürlich seines eigenen noch erstaunlich lange gegen die Übermacht der Burgunder (3 : 1) durchhielt. Zwischendurch wurde eine Pause gemacht und der Zustand der Pferde kontrolliert, um diese nicht zu überanstrengen, was mir besonders positiv auffiel.

Zum Schluss folgte die Siegerehrung und es wurden die Gesamtsieger erkoren, denn, wie schon gesagt, wurde ja insgesamt drei Tage turniert und die errungenen Punkte zusammengezählt. Der Sieger erhielt ein Prunkschwert, die beiden Nächstplazierten schicke Dolche. Zum Schluss gab es noch eine Ehrenrunde aller beteiligter und das war’s….

Ich fand es großartig. Es wurde das geboten, was die Werbung versprach. Ein Wettbewerb in einer Ausnahmesportart. Die Pferde waren herrlich, die Rüstungen ein Traum und das Kampfgeschehen spannend, wenn auch zugegebenermaßen verletzungsbedingt etwas kurz. Das hätte ich mir alles noch ein paar Stunden länger angucken können. Vor allem war es erfreulich realistisch. Wer den üblichen Mittelaltermarktkokolores mit Handgeklapper, „Okuli“ verteilendem Herold und dem bösen schwarzen Ritter erwartete, wurde wahrscheinlich enttäuscht. Aber hätten wir das gewollt wären wir in Kirrweiler bei den „Winelandgames“ geblieben. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden…

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